Kunsthandwerk in Brasilien

Sep 24, 2013 von

Kunsthandwerk in Brasilien

Wie die brasilianische Musik wurde auch das moderne brasilianische Kunsthandwerk durch eine Vielzahl verschiedener Quellen geprägt. Dementsprechend breit gestreut und bunt ist das Angebot: Holzschnitzerei, Keramik, Häkelarbeiten, Stickerei, Naive Malerei, Lederprodukte und vieles mehr  – afrikanische, europäische und indianische Elemente verschmelzen hier zu einem typisch brasilianischen Ganzen, wie es vielfältiger kaum sein könnte.

Die Kunst des Holzschnitzens kam unter anderem mit afrikanischen Sklaven nach Brasilien, und noch heute werden hier Holzskulpturen nach überlieferter afrikanischer Tradition, sogenannte Carrancas, gefertigt. Besonders verbreitet ist die Holzschnitzerei in den Bundesstaaten Bahia und Pernambuco im Nordosten des Landes. Weitere Einflüsse in der Holzverarbeitung stammen von den jesuitischen Missionen aus der Kolonialzeit, in denen den Indianern das Schreiner- und Schnitzhandwerk gelehrt wurde. Ein wichtiges Zentrum für die Herstellung von Holzskulpturen religiöser Prägung und traditioneller Möbel ist unter anderem die Stadt Embu im Bundesstaat São Paulo.

Weitere alte Traditionen im Nordosten Brasiliens sind Keramik und Textilienhandwerkskunst. Der berühmteste Ort für religiöse Keramikarbeiten heisst Tracunhaém und liegt in der Nähe von Recife im Bundesstaat Pernambuco. Ebenfalls aus Pernambuco stammt eine neuere, mit der naiven Malerei eng verwandte fokloristische Keramiktradition, die Caruaru Keramik, die Szenen und Figuren aus dem ländlichen Alltag Nordostbrasiliens darstellt. Keramik und Schmuck mit indianischen Einflüssen findet man vorwiegend im Amazonasbecken, wogegen Keramik aus Bahia starke afrikanische Elemente aufweist.

Für handgeklöppelte Spitzen in hoher Qualität ist der Bundesstaat Ceará bekannt. In Bahia findet man originelle Häkel- und Stickereiarbeiten, entweder als ganze Stücke oder als Verzierung von folkloristischen Kleidern und Hemden. Ebenfalls primär im Nordosten beheimatet ist die Herstellung von kunstvollen Hängematten, die von hier aus in die ganze Welt exportiert werden. Die Bundesstaaten Bahia, Pernambuco und Piauí sowie das Amazonasbecken beeindrucken zudem mit einer breiten Palette an Flecht- und Korbwaren.

Typische Lederprodukte aus dem Nordosten – Taschen, Geldbörsen, Sandalen, Schuhe und vieles mehr – zeigen Einflüsse der Tradtionskleidung der nordost-brasilianischen Viehhirten, die einschliesslich der typischen Hüte komplett aus Leder gefertigt wird. Argentinische und europäische Elemente findet man in der Leder- und Metallverarbeitung Südbrasiliens – etwa hochwertiges Sattel- und Zaumzeug oder kunstvoll gefertigte Behälter aus Silber oder anderen Metallen zum Genuss von Mate Tee.

Bis heute stellt das Kunsthandwerk – “Artesanato” auf portugiesisch – vor allem im Nordosten des Landes für viele Brasilianer eine bedeutende Neben- oder gar Haupterwerbsquelle dar. Nicht selten wird dabei kreativ, autodidaktisch und ohne eng definierte stilistische Vorgaben gearbeitet. Originelle Beispiele hierfür sind unter anderem Skulpturen aus dem Plastik-Werkstoff “Durepox”, aus Mineralwasserflaschen hergestellte Recycling-Handtaschen oder maschinelle Stickereien von selbst entworfenen Motiven kombiniert mit handgefertigter Kleidung und traditionellen Häkelprodukten. So manches Bikini- oder Tanga-Modell in deutschen Geschenkartikel-Katalogen stammen ursprünglich aus dieser Kreativschmiede. Viele dieser Produkte sind ein künstlerisches Abbild des modernen Brasilien, eine farbenfrohe und lebendige Mischung mit fliessenden Grenzen zwischen Tradition und Moderne – und sehr originelle Mitbringsel.

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